Raum und Zeit – Platz und Gelegenheit
‘Raum bedeutet in Wahrnehmung des Menschen Platz und Zeit bedeutet Gelegenheit’
Dieser Satz hat mein architektonisches Verständnis massgeblich geprägt, seit ich mich während des Studiums in Karlsruhe mit den Bauten und Schriften des niederländischen Architekten Aldo van Eyck auseinandergesetzt habe.
Mit den Begriffen ‘Raum’ und Zeit‘ bezieht er sich auf Titel und Inhalt des 1928 erschienenen Buches ‘Space, Time & Architecture’ von Sigfried Giedion, eines jener berühmten Manifeste, die der Moderne in Architektur und auch Städtebau zum Siegeszug verhalf. Giedion war der erste Generalsekretär des CIAM, des ‘Congrès International d’Architecture Moderne’, einer Bewegung von internationalen Architekten, deren wohl vernehmlichster und auch radikalster Vertreter Le Corbusier war. Diese Bewegung wurde bekannt nicht zuletzt durch die Charta von Athen (1933). Die darin proklamierten Gedanken zur räumlichen Trennung der Funktionen der Stadt werden massgeblich für die desurbanen Entwicklungen im Nachkriegsstädtebau verantwortlich gemacht. Mit dem Eingangszitat setzt sich Aldo van Eyck deutlich ab von dem abstrakten Raum-Verständnis des CIAM – Van Eyck hat sich mit einer Reihe ebenfalls namhafter Kollegen (u.a. Giancarlo di Carlo, Italien, Alison & Peter Smithson, Felix Candela, USA) als ‘TEAM X’ vom CIAM abgespalten. Sie begründen ihr revidiertes Raumverständnis auf strukturalistischen, anthropologisch-ethologischen Grundlagen. Van Eyck wurde bekannt durch seine Untersuchungen zu den Lebensformen der Dogon, eine westafrikanische Volkgruppe mit einzigartigen sozialen Strukturen.
Wir mögen bestimmte Orte und fahren bisweilen weit, um sie zu suchen oder ihre ‘Präsenz’ zu geniessen: Eine Landschaft, eine bestimmte Strasse in einer fernen Stadt, einen Markt, ein bestimmtes Hotel, ein Restaurant, ein Haus / eine Wohnung von Freunden. Wir lassen uns ‘gefangen nehmen’ von der Mystik einer romanischen Kirche, von der Atmosphäre einer Hofmoschee oder eines buddhistischen Tempels – unabhängig davon, ob wir einer der Religionen in besonderem Masse verbunden sind.
Oft haben wir die freie Ortswahl nicht, wir sind in eine Umgebung hineingeboren, im Mikro- wie im Makrobereich. Wir arbeiten an Arbeitsorten, die wir uns nur bedingt aussuchen und die wir selbst im Mikrobereich oft kaum gestalten können. Wohn’raum’ müssen wir mitunter nehmen, wie er ist und wir können ihn oft nur minimal unseren Bedürfnissen anpassen. Raum kann ich nicht weg’zappen’ – er ist und bleibt da, ich bin ihm ausgesetzt – im positiven wie im einschränkenden Sinn. Die meisten von uns sind ‘Raum-Konsumenten’ und oft nur bedingt in der Lage, gestaltend einzuwirken. Wir sind ihr ausgesetzt, können bestenfalls wählen, können sie geniessen oder ertragen oder allenfalls Impulse geben, dass etwas mit ihr geschieht, unserer Energie und auch der Mittel entsprechend. Das relativ verbreitete Interesse für Feng Shui kann als verkörpertes Verlangen nach Schaffung räumlicher Harmonie und davon erwartetem Wohlbefinden verstanden werden.
Die Klüfte zwischen real erlebter Harmonie unseres Umfeldes und den Bildern real oder vermeintlich Erreichbarem sind grösser geworden – diese Bilder synthetisieren wir aus einer medialen Bilderflut und aus Assoziationen zu exotischen Urlaubswelten, die darin vermutete Harmonie inklusive. Beliebigkeit ist eine Begleiterscheinung der gewonnenen Freiheit, Gesichtslosigkeit ist ein Geschwister der Abwechslung. Die ‘Leitplanken’ der Konvention sind verschwunden. Während ‘früher’ die ‘Welt der Dinge’ von Handwerkstradition, Erfahrungswissen, einer überschaubaren Anzahl von Lösungswegen und von einem eher kollektiven Bewusstsein geprägt war, hat im sozialen Leben wie in der Gestaltung der eigenen Welt das Prinzip ‘Individualismus’ Platz gegriffen – wer es nicht schafft, sich in der Welt der ihn umgebenden Dinge und Räume ‘selbst zu verwirklichen’ und sich in einer gewissen Originalität abzusetzen, sieht sich als Verlierer. Unsere Navigationssysteme sind nicht so viel anders als jene unserer Ahnen.
Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, synthetische Surrogate für unsere für die verlorene natürliche Orientierung zu. Es gibt verschiedene Erklärungsmodelle für die Interaktion zwischen Mensch und Umwelt – philosophische (z.B. Aristoteles, Descartes), metaphysische (z.B. Levebvre), phänomenologische (z.B. H. Schmitz; Bollnow), ethologische (z.B. Moewes, Eibl-Eibesfeldt), soziale (z.B. Bourdieu), gesellschaftlich -soziologische (z.B. Freisitzer, Läpple) atmosphärische (z.B. E. Blum) poetische (z.B. Bachelard) und architektonische (z.B. Rasmussen).
Ein Modell, das mir zum Verständnis und Gestaltung von Räumen verschiedensten Massstabs wertvolle Anhaltspunkte vermittelt, beschreibt E. de Ropp in seinem Buch the ‘Mastergame’. Grundsätzlich unterscheidet er dort vier verschiedene, in gewissem Sinne trainierbare Wahrnehmungs- und Handlungsebenen des Menschen: Instinkt-, Bewegungs-, Emotionale und Mentale Ebene.
Dabei sieht de Ropp in Anlehnung an Gurdjieff den Menschen wandern in verschiedenen Wahrnehmungs’räumen’ vom traumlosen Schlaf (1. Raum) bis zur ‘Selbstübertreffung’ im 4. und dem ‘objektiven Bewusstsein’ im 5. Raum – letztere Stufen sind für das Raumbewusstsein von besonderer Bedeutung, diese ‚Peak Experiences’ werden aber nur von einer eingeschränkten Zahl von Menschen und in bestimmten Phasen erreicht – in Analogie zu Stufe der Selbstverwirklichung an der Spitze der bekannten Maslow’schen Bedürfnispyramide. Jenseits dieser Bewusstseinsstufen und auch individueller Prägungen gehen davon aus, dass die vier genannten und nachfolgend näher erläuterten Kategorien des Wahrnehmens und Handelns prinzipiell für alle Menschen zutreffen – auch über verschiedene Kulturkreise hinweg.
1. Instinkt: An vielen Orten in der Welt ist die Erfahrung von Sicherheit elementar, im öffentlichen wie im privaten Raum. ‘Fight or flight’ spielt aber auch in unserem Alltag eine permanente Rolle: Die Platzwahl in einem Restaurant folgt instinktiv dem Territorialprinzip: wir alle suchen immer einen Platz, von dem aus wir den Eingang und möglichst auch das Fenster überblicken können, wenn wir den wandzugewandten Platz nehmen, so ist das eine für alle verständliche höfliche Geste, wenn wir den raumzugewandten Platz dem/den Tischgefährten überlassen.
Ein Haus zu konzipieren, dass es möglichst viele solche Situationen bietet, kann somit als Beitrag zum Wohfühlen verstanden werden. Arbeitsplätze, die diesen territorialen Aspekt berücksichtigen, wären so einfach und auch raumsparend zu kreieren, d.h. Schutz in Verbindung mit einem Minimum an Beeinflussung. Leider ist das aber längst nicht Standard. Und es wäre immerhin denkbar, dass bedürfnisgerechte Wohnsituationen in einem gewissen Maß das Scheitern von Beziehungen vermeiden helfen könnte! Die Wohn(ungs)kultur hat auf die individualistische Entwicklung der Gesellschaft nicht mit adäquaten Lösungen reagiert: selbst in grösseren Wohnungen können Erwachsene kaum eine ‘eigene Tür’ zumachen.
2. Bewegung: Muskelverspannung ist ein Thema der heutigen Zeit geworden – ein ganzer Dienstleistungszweig beschäftigt sich mit der Linderung des Schmerzes dem Kurieren von Krankheiten, die direkt oder indirekt damit zusammenhängen. Es kann vermutet werden, dass die ‘Eindimensionalität’ unseres räumliches Umfeld oft auch zu einem ‘Tunnelblick’ und damit zum ‘Einfrieren’ der Muskeln beiträgt. Zu Bewegung gehört der ‘Bewegungsspielraum’ und auch der Anreiz dazu durch das räumliche Umfeld!
In kleinen Räumen fühlen wir uns buchstäblich beengt, manche Menschen fühlen sich aber in zu grossen Räumen verloren, können diese buchstäblich nicht ausfüllen. (der pro Kopf durchschnittlich verfügbare ‘Raum’ hat in prosperierenden Gesellschaften um ein Vielfaches zugenommen). Kinder nehmen unmittelbar von für geeignet erscheinenden Räumen ‘Besitz’, indem sie sie erlaufen, erklettern, ‘erfahren’. Räume, in denen wir uns aufhalten, müssen uns nicht nur zu Bewegung animieren. Wenn die Instinktebene das Signal gibt – ‘hier bist Du sicher’, dann kommen wir zur Ruhe, dann wird unser ganzens Bewegungsspektrum, von Bewegung bis zur entspannenden Ruhe – den beiden komplementären Antipoden von ‚Wellness’, zur Entfaltung.
3. Emotion: ist das Feld der ‘Likes’ und ‘Dislikes’, denen wir auch unbewusst ‘Raum’ geben. Wenn Temperatur, Luftqualität und Helligkeit akzeptabel sind, dann bestimmen atmosphärische Qualitätsmerkmale unser Empfinden und unser Wohlbefinden: Farben, Materialien, Gerüche, Lichtstimmung. Räume werden in atavistischer Weise als belebt/belebend oder auch als ‘tot’ empfunden – Paul Valéry fragt, warum es Häuser gibt, die stumm sind, während andere reden oder sogar singen.
Dirk Altenmüller geht u.a. in seinem Buch ‘Neurobiologie der Musik’ der Frage nach, wie bestimmte Muster aus Tonart, Tempo/Rhythmus, Instrumentierung bestimmte Stimmungen ‘produzieren’ können. Was ist Dur und Moll in den Räumen, mit denen wir uns umgeben? Welche Stellschrauben der räumlichen Komposition und Gestaltung rufen welche emotionalen Muster hervor? Wie wirken die ‘Bühnenbilder des Alltags’, die wir nicht wegzappen können wie die Musik, wenn wir deren überdrüssig sind? Unsere Aussen-, Zwischen- und Innenräumen müssten idealerweise einen ‘Teppich’ des Wohlfühlens weben für die ganze Bandbreite unserer Empfindens und Stimmungen.
‘Less is More’ ist das ‘Credo der Modene’ (Mies van der Rohe, Architekt 1886 – 1969) hat wahrscheinlich eine gewisse Berechtigung in unserer medialen Welt. In geordneten, überfrachteten und sorgfältig gestalteten Räumen können wir auf einfache und nachhaltige Weise der ständigen Bilder- und Informationsflut entfliehen, ohne ständig zu glauben, die ‘Escapes’ am anderen Ende der Welt vermeintlich finden zu müssen.
4. Mentale Ebene: Der Kopf will etwas zu verstehen und auch etwas zu erforschen haben, so wollen auch eine Ahnung davon bekommen, wie Raum ‘funktioniert’. Es sind Mischungen aus Einfachheit und Rafinesse, aus Nachvollziehbarkeit und Überraschung, aus ‘Déja vu’ und Neuem, die uns inspirieren und die unsere Neugier befeuern. Geometrie und Proportionen etwa sind an der Nahtstelle zwischen Verstehen und Empfinden angesiedelt. Beim Annähern an ein Haus müsste es immer etwas Neues oder Differenzierters zu sehen geben. Dies hat Gropius, der deutsche Bauhausarchitekt gefordert. Viele der ‘modernen’ Bauten lassen genau das vermissen. Zu viele Räume zwischen und in unseren Häusern vermitteln ‘Perfektionierte Langeweile’. Funktion (oft gleich Rentabilität) und Wartungsfreundlichkeit allein, machen uns nicht zufrieden. Man sieht einem Haus und einem Raum an, in welchem Spirit es/er erstanden ist.
‘Spacial Solutions’
In Bezug auf das Entwerfen räumlicher Lösungen müssen nach meinem Verständnis alle vier beschriebenen Ebenen des Empfindens ‘adressiert’ werden – dabei zählt nicht die Absicht, sondern nur die hervorgerufene Wirkung, die es zu antizipieren gilt. So ist bei der Gründung meines Planungsunternehmens im Jahr 2004 dieses Verständnis zum Namen geworden: ‘Spacial Solutions’.
Die langjährige Erfahrung im Umfeld der Industrie hat mich gelehrt, konsequent funktionale Lösungen zu entwickeln – in allen Massstäben vom Möbel bis zur Stadtteil. Das ist solides Handwerk, notwendig, aber nicht hinreichend. Vor allem im internationalen Kontext haben meine Bauherren sehr klar Erwartungen artikuliert, die sich so zusammenfassen lassen: ikonographisch wirkende und emotional anregende Architektur – Perfektion ja, belehrenden Reduktionismus nein!
Das Feedback auf unsere in verschiedenen Teilen der Welt geplanten und gebauten Lebenswelten bestätigt uns, dass es gelingen kann, oft widersprüchlich erscheinende Zielsetzungen und Anforderungen zu einem inspirierenden Ganzen zusammenzufügen. Das gelingt allerdings nur in Verbindung mit jenen inspirierten Bauherren, die bereit sind, einen intensiven Entwicklungsprozess mit Momenten konstruktiver Unsicherheit mitzugehen – so wie Schumpeter Momente ‘konstruktiver Zerstörung’ als unabdingbare Voraussetzung für dauerhaft erfolgreiche Unternehmen fordert.
Ruanda ist so ein Bauherr: das kleine aufstrebende ostafrikatische Land hat uns in diesem Sinne ganz bewusst als einen seiner wichtigen Partner gewählt. Mit einer Reihe von Projekten haben wir die Chance erhalten und die Verpflichtung übernommen, einen Beitrag zur Realisierung sehr ambinitionierter Visionen für eine nachhaltige Zukunft zu leisten. Der ‘Kigali Convention Complex’ mit Hotel, Versammlungsräumen, Incubator Offices und einem Museum sind am weitesten gediehen. ‘Grass Root’ – Arbeit und Schrittmacherprojekte sind nach Auffassung unserer Auftraggeber kein Widerspruch, sondern notwendige Ergänzung. Die Resonanz auf die Bilder ist in allen Bevölkerungsschichten sehr hoch. Die Erwartung: Afrikanischer Spirit und deutsche Perfektion. Platz und Gelegenheit für die Bürger Ruandas, Sinnbild und Werkzeug eines Landes, das seine eigene Zukunft erschafft. In zwei Jahren ist Einweihung.
(1)Kigali Convention Complex (KCC)
Mit modernen Mitteln und zugleich an die Bautradition des Landes angelehnt schafft das ressourcenarme Ruanda mit diesem neuen Wahrzeichen ein überregionales Dienstleistungszentrum. Der von Spacial Solutions, Roland Dieterle entwurfene Dom erinnert in Form, Strukturen und inneren Oberflächen an traditionelle Rundbauten, wie sie auch für den Königspalast zum Einsatz kamen. ‘Do it the African Way’ – bis hin zu den Möbeln ist eine gestalterische Sprache im Einsatz, die mit einfachen Mitteln die Brücke zu lokalen Wurzeln herstellt.
(2)Der Dom (bis zu 3000 Sitzplätze) greift auch in seinem Inneren traditionelle Strukturen auf: Das Spiralmotiv ist in der Kunst des Korbflechtens lebendig.
(3)Markante Dachstrukturen schützen vor der Hitze des zenitalen Äquatorlichts und schützen vor Regen. ‚Fins’, deren Farben von ortstypischen Kleidern abgeleitet sind, spenden Schatten in den Morgen- und Abendstunden – so entsteht ein unverwechselbarer Ort.
(4)Ebenfalls nach den Plänen von Spacial Solutions dem wunderbaren Lake Kivu wird auf 1500 m Höhe über dem Meer ein Business & Resort Hotel gebaut. Gäste können auf dem Land- und auf dem Wasserweg ankommen, die weichen Konturen des Hotelflügels sind von den typischen agrarischen Terrassen des sehr dicht besiedelten Kulturlandes abgeleitet.







